Wenn andere feiern, drückt die Einsamkeit besonders: Der Einfluss psychosozialer Faktoren auf die Entstehung von Depressionen lässt sich aber nur schwer quantifizieren.
CliniCum psy 05/2004
Gedrückte Stimmung, Interessenverlust, Antriebsminderung: Die Symptome einer Depression äußern sich bei Jüngeren und Älteren ganz ähnlich, erklärt Univ.-Prof. DDr. Peter Fischer, Psychiater und Psychologe an der Medizinischen Universität Wien. „Allerdings treten symptomärmere Depressionen bei älteren Menschen besonders häufig auf.“ Gerade beim alten Menschen werden weniger auffallende depressive Stimmungen gerne übersehen, auch bei vordergründigen somatischen Beschwerden eine dahinterliegende Depression leicht verkannt. „Oft werden Symptome auch aus Scham verschwiegen, das gilt besonders für Suizidgedanken“, berichtet Fischer.
Zu beachten sei auch, dass alte Menschen mit Depressionen häufiger agitiert sind: „Sie haben häufiger körperliche Symptome, klagen mehr über Schlafstörungen und seltener über Libidoverlust.“ Hinzu kommt, dass die Erwartungen der diagnostizierenden Ärzte mitunter die Diagnose einer Depression beim alten Menschen erschweren. Manchmal werde selbst drei Jahre nach Tod des Ehepartners noch immer nicht behandelt, mit dem Argument, es handle sich um eine Trauerreaktion. „Dabei sind Depressionen bei älteren Menschen gut behandelbar und haben bei richtiger Therapie eine gute Prognose“, betont Fischer. Durch die Kombination aus Antidepressiva plus Psychotherapie lässt sich bei 80 Prozent über drei Jahre jeder Rückfall verhindern.
„Es gibt eindeutige Hinweise darauf, dass Depressionen durch psychosoziale Belastungssituationen ausgelöst werden“, betont Fischer. Wer gesund ist, keine finanziellen Probleme hat und über gute soziale Kontakte verfügt, hat nach dem Tod des Partners ein Risiko von 25 Prozent, eine Depression zu erleiden. Der Faktor Einsamkeit steigert selbst bei körperlicher Gesundheit das Risiko einer Depression auf 50 Prozent, „kommen schwere körperliche Erkrankungen und finanzielle Probleme dazu, dann haben bereits 80 Prozent eine Depression.“
Auch die VITA-Studie (siehe Kasten) zeigt, dass fast 40 Prozent der 75- Jährigen drei oder mehr schwere körperliche Krankheiten haben, „Einsamkeit, Behinderung und chronische Schmerzzustände bei alten Menschen treffen häufig zusammen“, beschreibt Fischer. Hinzu kommen „erdrückend wenige“ Sozialkontakte. Ob ein Umzug in ein Pensionistenheim da Abhilfe schaffen kann, bleibt fraglich. „Die Heime sind ganz unterschiedlich geführt – dort, wo es entsprechende Angebote gibt, kann es durchaus eine Erleichterung sein, mit anderen alten Menschen zusammenzuleben.“
Gehäufte Suizide
Gut möglich auch, dass sich die Einsamkeit alter Menschen gerade zu den Feiertagen verschärft. „Feiertags- und Wochenenddepressionen gibt es tatsächlich: Ich sehe sie immer wieder bei meinen Tagesklinikpatienten, die an freien Tagen mitunter das Bett nicht verlassen“, schildert dazu der Tiroler Psychiater und Experte für Gerontopsychiatrie, Dr. Gerhard Medicus vom Psychiatrischen Krankenhaus Hall in Tirol. Auffallend seien auch gehäufte Suizide zu Weihnachten und Ostern bei Menschen, die vereinsamt sind und sich zu diesen Festen Gemeinschaft und Familie wünschen, meint Medicus.
In den offiziellen Suizid-Statistiken – die allerdings ältere Menschen nicht gesondert ausweisen – ist jedoch der Mai der Monat mit den höchsten Suizidzahlen. Ganz ähnlich glaubt Dr. Barbara Mackinger-Trimmel, Psychiaterin an der Gerontopsychiatrischen Tagesklinik 14/III am Sozialmedizinischen Zentrum Otto-Wagner-Spital, dass Feiertagsdepressionen „ein kritisches Thema“ sind. „Ein großer Teil davon äußert sich vermutlich in vermehrten Spitalseinweisungen wegen vordergründiger organischer Beschwerden, etwa gastrointestinalen Störungen oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen“, ist Mackinger-Trimmel überzeugt.
Abhilfe könnte eine bessere Bewusstseinsbildung, aber auch eine möglichst gute „Überbrückung“ der Feiertage durch soziale Angebote schaffen. „Wenn wir schon im Oktober von Weihnachtsangeboten überrollt werden, dann muss dies für einsame Menschen besonders schlimm sein.“ „Wenn man sich nur an bestimmten Tagen nicht wohlfühlt, dann dürfen wir eigentlich gar nicht von Depression sprechen“, gibt jedoch Dr. Thankmar Brunner vom Zentrum für Seelische Gesundheit in Klagenfurt zu bedenken. Dass die psychosozialen Umstände, allen voran die zunehmende Einsamkeit, ein wichtiger Faktor sind, bestätigt er allerdings: „Problematisch ist es, wenn aufgrund zunehmender körperlicher Immobilität der Freundeskreis nach und nach wegfällt.“ Wer zunächst noch im Berufsleben, später vielleicht in der Wandergruppe über gute Sozialkontakte verfügt, verliert diese mit zunehmender Gebrechlichkeit. „Ob die depressive Verstimmung dann behandlungsbedürftig ist, darüber entscheidet der Schweregrad.“
Nicht nur die Tage rund um Weihnachten, auch schon Allerheiligen kann Depressionen verschärfen, weiß Dr. Georg Psota von den Psychosozialen Diensten in Wien. „Anbieter von Hilfsdiensten verzeichnen in diesen Tagen deutlich vermehrte Anrufe.“ Die Zeit des Gedenkens mache auf fehlende Perspektiven aufmerksam und den Verlust des Lebenspartners noch schmerzlicher bewusst. „Ganz sicher gibt es dann auch mehr psychosomatische Beschwerden, die dem Hausarzt vorgebracht werden“, meint Psota.
Hausärzte gefordert?
Stichwort Hausarzt: „Jede fünfte Depression wird vom Allgemeinmediziner nicht erkannt, selbst nach zahlreichen Kontakten wurde nur jeder zweite depressive Patient als solcher diagnostiziert“, berichtet Fischer. Es müsste auch mehr niedergelassene Psychiater geben, „vor allem welche, die auch Hausbesuche machen“, meint dazu der Wiener Allgemeinmediziner Dr. Hans-Joachim Fuchs. „Genauso braucht es mehr Sozialarbeit, mehr Psychotherapie und eine verbesserte Hauskrankenpflege.“
Der Faktor Einsamkeit ist gerade in einer Großstadt nicht zu unterschätzen: Immer- Stichwort Hausarzt: „Jede fünfte Depression wird vom Allgemeinmediziner nicht erkannt, selbst nach zahlreichen Kontakten wurde nur jeder zweite depressive Patient als solcher diagnostiziert“, berichtet Fischer. Es müsste auch mehr niedergelassene Psychiater geben, „vor allem welche, die auch Hausbesuche machen“, meint dazu der Wiener Allgemeinmediziner Dr. Hans-Joachim Fuchs. „Genauso braucht es mehr Sozialarbeit, mehr Psychotherapie und eine verbesserte Hauskrankenpflege.“
Der Faktor Einsamkeit ist gerade in einer Großstadt nicht zu unterschätzen: Immer hin sind bereits 40 Prozent aller Wiener Haushalte Single-Haushalte. Er selbst frage bei seinen Patienten immer genau nach, wie es ihnen gehe, und versuche nach Möglichkeit, Hilfe anzubieten. Fuchs erinnert auch daran, dass nicht nur Depressionen in der Allgemeinpraxis häufig anzutreffen sind, „vielfach unterschätzt wird auch die posttraumatische Belastungsstörung; sie hat immerhin eine Lebenszeitprävalenz von 15 Prozent.“ Was die Einsamkeit angeht, so könne sie in jedem Lebensalter zu Depressionen führen: „Konkret fällt mir dazu ein junger, heroinabhängiger Patient ein, der rückfällig wurde, seine Familie nicht besuchen konnte und in eine schwere Depression fiel“, berichtet Fuchs. „Die Beziehung zur eigenen Familie besteht lebenslänglich, und sie wird umso stärker spürbar, wenn man getrennt ist.“ Noch gravierender falle die Trennung aus, wenn körperliche Krankheiten hinzukommen. „Kinder werden ganz besonders umsorgt, wenn sie krank sind.“ Im Alter aber treffen Krankheit und Einsamkeit bedrückend häufig zusammen.
Depression und Alter: Die VITA-Studie Aktuelle Daten zur Häufigkeit von Depressionen bei älteren Menschen liefert die VITA-(Vienna-Transdanube-Aging)-Studie. „Die Studie läuft seit dem Jahr 2000. Damals wurden alle 75-jährigen Einwohner des 21. und 22.Wiener Bezirkes, das sind rund 1.500 Personen, kontaktiert“, sagt Univ.-Prof. DDr. Peter Fischer, der diese Studie für das Ludwig-Boltzmann-Institut für Altersforschung koordiniert. 47 Prozent der Befragten (606 Personen) haben an der kompletten Untersuchung teilgenommen; hinsichtlich Depressionen wurden sie mittels der Hamilton Depression Scale sowie der Short Geriatric Depression Scale, einer Self-Rating-Skala, untersucht. „Letztere Skala enthält insgesamt 15 Fragen, bei mehr als vier entsprechenden Antworten liegt ein Hinweis auf eine Depression vor.“ Ferner wurde die Depressivität anhand eines standardisierten Interviews erfasst.
Das Resultat: 7,4 Prozent der Befragten litten bei der Erstuntersuchung nach den Kriterien von DSM IV an einer Major Depression, weitere 9,1 Prozent an einer Minor Depression (gesamt 16,5 Prozent). Europäische Vergleichsstudien finden bei zehn bis 17 Prozent eine Major beziehungsweise Minor Depression. „In der VITA-Studie wurde darüber hinaus bei 5,6 Prozent eine subsyndromale Depression gefunden, also eine Depression, bei der zwischen zwei und sieben Symptome wie etwa Agitiertheit oder Schlafstörungen auftreten, nicht jedoch depressive Verstimmung oder Freudlosigkeit“, berichtet Fischer. Deutliche Zunahme: Die als Längsschnittuntersuchung angelegte VITAStudie zeigt auch, dass nach 30 Monaten der Prozentsatz depressiver Personen von insgesamt 22 Prozent auf 42 Prozent angestiegen ist.
„Vor allem die Minor Depression und subsyndromale Depressionen nehmen im Verlauf der Zeit deutlich zu“, schildert Fischer. Parallel dazu verschlechtern sich die kognitiven Fähigkeiten in der untersuchten Population: Sind bei der Erstuntersuchung zwei Prozent dement und bei weiteren acht Prozent besteht ein Verdacht auf Demenz, so wird nach 30 Monaten schon bei 17 Prozent der Personen ein demenzielles Zustandsbild gefunden. „Depression ist häufig ein Frühsymptom der Demenz, auch überlappen sich die Symptome von Depressionen und Demenzen zum Teil“, führt Fischer aus. Behandelt wurden die depressiven Patienten laut Erhebung zu zehn Prozent mit Antidepressiva, weitere 20 Prozent hatten Benzodiazepine verordnet bekommen: Kein einziger der Patienten mit einer diagnostizierten Depression erhält eine Psychotherapie.
© MMA, CliniCum psy 05/2004, Christina Maria Hack




