Persönlichkeitsstörungen (PS), so auch die Borderline- Persönlichkeitsstörung (BPS; DSM-IV: 301.83 American Psychiatric Association 1994; ICD-10: F 60.3), werden deskriptiv auf Achse II des DSM-Systems diagnostiziert. Aktuell wird an einer Rekonzeptualisierung der Achse II gearbeitet (Livesley 2003), jedoch erbrachten die Anstrengungen rund um die Weiterentwicklung des DSM-Systems bisweilen wenig zufrieden stellende Ergebnisse (Westen und Shedler 1999). Die Kritik betrifft vor allem den geringen Nutzen für die klinisch praktische Arbeit, dementsprechend wurde eine Forderung nach einem neuen diagnostischen Konstrukt formuliert (Kendell und Jablensky 2003). Unter anderem wird die Einführung einer Achse für behandlungsrelevante Faktoren diskutiert. Spitzer (2001) formulierte, dass ein diagnostisches Konzept dann klinisch brauchbar ist, wenn es eine Hilfe für Prozesse in der Entscheidungsfindung und Indikationsstellung für diverse Behandlungen beinhaltet.
Kategoriale Diagnostik
Für die Diagnostik der (Borderline)PS wird eine kategoriale
Herangehensweise (Kriterium erfüllt vs. nicht erfüllt) am häufigsten
angewendet. Hierzu werden strukturierte klinische
Interviews oft mit dem Argument verwendet, dass diese im
Vergleich zu unstrukturierten klinischen Untersuchungsmethoden
Ergebnisse mit höherer Reliabilität erzielen.
Einige seien hier erwähnt: das Diagnostische Interview für
DSM-IV Persönlichkeitsstörungen (Zanarini et al. 1987, 2006),
die International Personality Disorder Examination (Loranger
et al. 1994; Loranger 1999) und das Strukturierte Klinische
Interview für DSM-IV Achse-II-Persönlichkeitsstörungen
(SKID-II) (First et al. 1995). Die Reliabilität dieser Interviews
für die Diagnostik der BPD zeigt Interrater-Übereinstimmungen
von r=0,68 bis 0,96, Test-Retest-Übereinstimmungen werden
mit r=0,40 bis 0,85 angegeben.
Gunderson’s Diagnostisches Interview für Borderline PS ist
ein Instrument innerhalb der strukturierten Interviews, das
eine Exploration der Erkrankungsgeschichte und -entstehung
entlang der individuell aktuell dargebotenen Symptome ermöglicht
(Gunderson et al. 1981). Es wurde mit detaillierteren
Fragestellungen um die Bereiche Realitätsprüfung, Kognitionen,
Dysphorie/dysphorischer Affekt und um Typen der Impulskontrollstörung
erweitert (Zanarini et al. 1989).
Dennoch gibt es keine Übereinstimmung darüber, dass die kategoriale
Herangehensweise für die Diagnostik einer BPS die
am besten Geeignete ist. Jedoch besteht Einigkeit darüber, dass
die (Dys)Funktionalität von „Persönlichkeit“ und eine Diagnostik
der psychischen Struktur oder des psychischen Funktionierens
schwer mit objektiven Messverfahren zu erfassen ist.
Dimensionale Diagnostik
Eine Alternative stellt die dimensionale Diagnostik dar, die im
Grunde aus dem Bereich der Persönlichkeitspsychologie entstammt.
Die dimensionalen Modelle von PS werden eher der Vorstellung von einem Kontinuum zwischen „gesund“ und
„krank“ gerecht, indem angenommen wird, dass die PS eine
verstärkte Ausprägung von normalen Persönlichkeitsanteilen
oder Charaktereigenschaften darstellt (Paris 1998). Das am
besten eingeführte Modell ist Cloninger et al. Acht-Faktoren-
Modell (Temperament and Charakter Inventar, Cloninger et
al. 1993).
Als eine weitere alternative Konzeptualisierung wird die der
Prototypen diskutiert: Beschreibungen (Auflistung von Charakteristika)
orientieren sich an prototypischen Fällen (das
beste Beispiel für eine bestimmte PS) bis hin zur Beschreibung
weniger prototypischer Fälle, sodass sich ein Kontinuum zwischen
Item-Listen, die „typisch oder zutreffend“ z.B. für eine
BPS oder „uncharakteristisch“ für eine BPS sind, ergibt.
Shedler und Westen (1999) entwickelten dieser Konzeptualisierung
folgend ein dimensionales, für den klinisch-praktischen
Gebrauch ausgerichtetes Erhebungsinstrument (Westen 1998,
Westen and Shedler 1999, Shedler 2002), das folgende Prototypen
ergibt: reifes psychologisches Funktionieren, Psychopathie,
Feindseligkeit, Narzissmus, emotionale Dysregulation, Dysphorie,
schizoide Ausrichtung, Zwanghaftigkeit, Denkstörung,
ödipaler Konflikt, Dissoziation und sexueller Konflikt.
In einer Untersuchung hinsichtlich der Replikation der
Westen’schen Faktorenstruktur an der Universitätsklinik für
Tiefenpsychologie und Psychotherapie wurden an einer österreichischen
Stichprobe nahezu ähnliche Prototypen beschrieben
(Löffler-Stastka et al., in press).
Als zusätzliches Ergebnis konnte gefunden werden, dass diese
Erhebungsmethode zur Erfassung von Persönlichkeitsstörungen
und Charakterpathologie auch eine psychostrukturelle
Diagnostik ermöglicht. Faktorenanalytische Untersuchungen
erbrachten in der Studie der Klinik für Tiefenpsychologie
und Psychotherapie ein achtfaktorielles Modell, das sich in
unterschiedlicher signifikant spezifischer Ausprägung im Wesentlichen
um die drei psychischen Funktionsniveaus der
neurotischen, Borderline- und psychotischen Persönlichkeitsorganisation
(Kernberg 1988) gruppiert.
Diese Ergebnisse decken sich mit anderen Untersuchungen, die
eine dimensionale Strukturierung in der Persönlichkeitsstörungsdiagnostik
zu beschreiben versuchen und ebenfalls drei-,
vier- oder achtfaktorielle Modelle ergeben (Kernberg 1984,
Eysenck 1987, Costa und McCrae 1992, Mulder und Joyce 1997,
Livesley et al. 1998, Austin und Deary 2000). Zu faktoriellen Modellen
wird eine parallel zu Charakterstrukturen vorhandene
genetische Architektur diskutiert (Livesley et al. 1998).
Empirische Befunde
Für die Borderline-PS berichten eine Reihe von Studien aus
der Temperamentsforschung enge Zusammenhänge der BPS
mit hochgradigem Neurotizismus (d.h. emotionalem Schmerz)
und schwacher Individualität (Clarkin et al. 1993, Soldz et al.
1993, Trull 1993, Zweig-Frank und Paris 1995). Die BPS zeigt
auch Assoziationen mit hochgradiger Zwanghaftigkeit und Impulsivität (Svrakic et al. 1993), wobei als Schlüsseldimensionen
für die BPS impulsive Aggression und affektive
Instabilität beschrieben werden. Ein genereller Konsens besteht
darin, dass die BPS durch Impulsivität und das Vorherrschen
negativer Affekte in Zusammenhang mit Affektdysregulation
charakterisiert werden kann. Diese Kombination moderiert
den Einfluss von psychosozialen Faktoren auf die BPS
(Gurvits et al. 2000, Paris 2000, Silk 2000, Trull et al. 2000). Dies
steht im Einklang mit Herpertz et al. (1999), die – allerdings nur
bei weiblichen Patienten – darauf hingewiesen hat, dass Probleme
in der Affektregulation mit einem „autonomen und erarousal“
und einer damit verbundenen besonderen „Offenheit“
oder hochvariablen Irritationsbereitschaft gegenüber Stimuli
der Umgebung in Zusammenhang stehen.
Persönlichkeitseigenschaften wie affektive Instabilität oder
impulsive Aggression können in Zusammenhang mit intrapsychischen
Störungen (z.B. die Identitätsbildung betreffend)
erklärt oder mit der Thematik der Abwehrmechanismen
in Verbindung gebracht werden. Während Dimensionen
wie affektive Instabilität und Impulsivität zum Teil als
biologisch-determiniert angenommen werden, können die
Zusammenhänge mit intrapsychischen Abwehrmanövern
nicht durch biologische Komponenten dieser Eigenschaften
beschrieben werden. Dennoch sprechen diese Zusammenhänge
zwischen Charaktereigenschaften und psychodynamischen
Erkenntnissen in der BPS-Diagnostik für eine multimodale
Herangehensweise, vielfach auch die Ätiologie der
BPS betreffend.
Psychodynamisches Bild
Aus einem entwicklungspsychologischen psychoanalytischen
Modell die Ätiologie der Borderline-Persönlichkeitsstörung
betreffend ergibt sich für die Diagnostik folgender Fokus:
- Objektbeziehungen und affektive Entwicklung:
Das essenzielle Konzept der psychoanalytischen Objektbeziehungstheorie liegt darin, dass Aktivierungen von Spitzenaffekten, sowohl positiven als auch negativen, typisch in zwischenmenschlichen Beziehungen von Geburt an auftauchen. Diese unterschiedlichen affektiv geladenen Beziehungen stellen sich sofort in einer kognitiven Struktur dar, in der eine innerpsychische Repräsentanz des Selbst in Verbindung mit einer Repräsentanz des Anderen im Rahmen dieses dominanten Affekts entsteht (Kernberg 2006).
Brierley (1937) beschreibt die Affekt- und Ich-Entwicklung als eine parallele, die einander gegenseitig beeinflussen: Jede affektive Erfahrung – wie sie in der Beziehung zu einem Objekt gemacht wird – formiert ein Ich-Element, das sich in wiederholenden affektiven Erfahrungen dermaßen einprägt, dass daraus ein Ich-Kern entsteht. Kernberg (2006) beschreibt, dass sich in jedem Moment von intensiver Affektaktivierung in zwischenmenschlichen Beziehungen wieder eine dyadische Struktur bildet, Repräsentanz von Selbst, Repräsentanz des Objektes und der Affekt, der sie verbindet. Im Laufe der Zeit verschmelzen alle diese Selbst bzw. Objektrepräsentanzen in ein integriertes Konzept des Selbst, bzw. des Objekts. In Anlehnung an Überlegungen von Freud (1915) beschreibt Kernberg (2006), dass sich libidinöse Objektbeziehungen und aggressive Objektbeziehungen zuerst unabhängig voneinander entwickeln, weil die jeweiligen Hirnstrukturen unterschiedliche sind (Kernberg 2006). Unter normalen Zuständen integrieren sich positive und negative Affektentwicklungen und die entsprechenden dyadischen Repräsentanzen in ein integriertes Selbst, das positive wie negative Affekte toleriert (Kernberg 2006) und legiert, somit entschärft, was bei BPS nicht stabil gelingt. Empirische Untersuchungen berichten über Zusammenhänge zwischen der Entwicklung einer BPS und frühen ungünstigen Bindungserfahrungen (Modell 1963, Fonagy et al. 1995, Gunderson 1996, Fossati et al. 2001, Nickell et at. 2002) und Schwierigkeiten in der Affektwahrnehmung (Perry und Cooper 1986). - Abwehrmechanismen:
Empirische Studien belegen den Wert der Beurteilung und die Beschreibung der Abwehrmechanismen, die für die BPS charakteristisch sind: Bei Patienten mit einer BPS wurde beispielsweise im Vergleich zu Nicht- BPS-Patienten der Einsatz von Spaltung häufiger gefunden als Verdrängung, Sublimierung und Humor (Bond et al. 1994).
Veen und Arntz (2000) berichten dies auch für die Idealisierung und Entwertung. Zanarini et al. (1990) berichtet, dass Projektion und Ungeschehenmachen zusammen mit anderen Variablen wie Hypochondrie und (Aus)Agieren die BPS von anderen PS unterscheidet (diskriminante Validität).
Kernberg (1967) systematisierte die bereits früher existenten Beschreibungen der BPS (z.B. Stern 1938, Knight 1953) und beschreibt die Abwehrmechanismen Projektion, projektive Identifizierung, Spaltung, Verleugnung als ein kennzeichnendes Merkmal der Borderline-Persönlichkeitsorganisation (BPO). Kernberg platziert die BPO zwischen der neurotischen und psychotischen Persönlichkeitsorganisation und wird mit diesem „dreifaktoriellen Modell“ einer dimensionalen Diagnostik gerecht, die für die Diagnostik der BPS ein Kontinuum bezüglich des Schweregrads der Beeinträchtigung des psychischen Funktionierens ermöglicht. Viele Kliniker sehen die Möglichkeit für die Beschreibung des psychischen Funktionierens als nutzbringend an, besonders wenn eine behandlungsrelevante Diagnostik betrieben werden soll (Livesley 2003, Widinger, Costa und McCrae 2002).
- Identitätsdiffusion;
- unreife Abwehrmechanismen (z.B. Projektion, projektive Identifizierung, Spaltung, Verleugnung);
- partiell intakte, aber z.B. hinsichtlich Veränderungen vulnerable Realitätsprüfung;
- charakteristische Objektbeziehungen.
Ausblick
Aus den psychoanalytischen Überlegungen zur Ich-Entwicklung,
Affektentwicklung, Affektwahrnehmung und aus der
Objektbeziehungstheorie lassen sich wesentliche Elemente
für die Behandlung der Borderline-Persönlichkeitsstörungen
ableiten, geht es doch darum, dass die Behandlung es dem
Patienten ermöglichen soll, die zugrunde liegenden Ursachen
seiner Probleme in der Beziehung zum Behandler emotional
erleben, verstehen und verändern zu lernen.
Literatur bei der Autorin
© MMA, CliniCum psy 2/2006, Dr. Henriette Löffler-Stastka, Dr. Henriette Universitätsklinik für Tiefenpsychologie und Psychotherapie, Wien





