27. Juli 2010
Clinicum Medizin Medien Austria

Sozialarbeit: Fürsorge war gestern

Brachliegende psychosoziale Aufgaben im Gesundheitswesen erfordern eine Neudefinition der klinischen Sozialarbeit.

Eine umfassende gesundheitliche Betreuung bedarf nicht nur medizinischer, pflegerischer oder psychotherapeutischer Tätigkeit: „Medizin bedarf auch sozialer Hilfe“, betont der Bochumer Sozialmediziner und Psychiater Prof. Dr. Wolf Crefeld. Zwar sei die klinische Sozialarbeit in Bereichen wie der Suchtbehandlung oder in der Psychiatrie bereits lange verankert, Aufholbedarf herrsche jedoch etwa in der geriatrischen Rehabilitation oder wenn es darum geht, die Behandlungskontinuität chronisch Kranker zu sichern. Auch in der Bewältigung der psychosozialen Folgen von Krebserkrankungen, Unfällen oder Schlaganfallerkrankungen ortet Crefeld erheblichen Bedarf an Sozialarbeit.

Zu den Aufgaben des Sozialarbeiters in der Klinik zählt es unter anderem, Techniken zur Problemlösung, aber auch Ressourcen zu vermitteln. „Eine wichtige Rolle wird der Sozialarbeiter künftig als Case- Manager spielen - als jemand, der die Leistungen anderer koordiniert“, betont Crefeld. So sind Betroffene wie Angehörige mit der Organisation und Vereinbarung von Einzelleistungen häufig überfordert; speziell in der Geriatrie führe diese Überforderung nicht selten zu einer baldigen Einweisung in ein Pflegeheim.

Qualitätsstandards schaffen

Voraussetzung für ein effektives Case- Management sei jedoch die Schaffung definierter Qualitätsstandards für die Sozialarbeit im Krankenhaus. In Deutschland etwa wurde mit dem Masterstudiengang Klinische Sozialarbeit in Coburg bereits ein Schritt in diese Richtung gesetzt. Sozialarbeiter mit entsprechender klinischer Qualifikation sind zudem in einem eigenen Register eingetragen. „Bislang entfallen allerdings erst höchstens 20 Prozent der klinischen Sozialarbeit auf das Case-Management“, berichtet DSA Aloisia Krenn von der Grazer Landesnervenklinik Sigmund Freud. Doch gerade das Case-Management biete große Chancen für eine Stärkung der Sozialarbeit im Gesundheitswesen, betont Gabi Schiessling, Sozialarbeiterin an der Innsbrucker Universitätsklinik und Vorsitzende des Gesundheits- und Sozialausschusses im Tiroler Landtag. So ist Schiessling überzeugt, dass die vielerorts geforderten Verbesserungen im Schnittstellenmanagement ein weites Betätigungsfeld für klinische Sozialarbeiter bieten: „Case-Management im Gesundheitswesen ist in der Lage, die Zusammenhänge aufzuzeigen.“

Intra- und extramurale Vernetzung

Voraussetzung dafür sei jedoch die Verankerung der Sozialarbeit im Bundes- sowie in den Landes-Krankenanstaltengesetzen. So fordert die Gesundheitspolitikerin etwa, dass jede Krankenanstalt einen Sozialdienst für Patienten anbieten muss. Sozialarbeiter hätten den Vorteil, dass sie sowohl innerhalb des Krankenhauses als auch von außen agieren können. „Sie können für die Patienten wichtige Brücken schlagen.“ Abgesehen von der gesetzlichen Grundlage müssten dazu auch an kleineren Krankenanstalten und Bezirkskrankenhäusern Stellen für Sozialarbeiter geschaffen werden, meint DSA Richard Köppl von der Fachhochschule in St. Pölten.

Gerade die sozialarbeiterische Ausbildung - nunmehr mit der Fachhochschule für Sozialarbeit/Sozialmanagement - schaffe ideale Voraussetzungen für das Case-Management im Gesundheitswesen. „Es ist die ureigenste Aufgabe der Sozialarbeiter, Vernetzungen herzustellen“, ergänzt Crefeld. Dazu sollten Sozialarbeiter allerdings Partner in anderen Disziplinen suchen, und es dürfe im „Heer der Heiler und Helfer“ keine berufspolitischen Verteilungskämpfe geben, fordert Crefeld.

„Sozialarbeit im Gesundheitswesen“, Fachtagung, Salzburg, 15.11.04

Von Mag. Christina Maria Hack


© MMA, CliniCum 01/2005
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Soziale Diagnose

Lange Zeit sei es still gewesen um die soziale Diagnose im Krankenhaus; „heute erlebt sie jedoch eine Renaissance“, meint Mag. Peter Pantucek, Stv. Leiter des Studienganges Sozialarbeit an der FH St. Pölten. Die soziale Diagnose sei Voraussetzung für die Überprüfbarkeit der Sozialarbeit. „Unsere Klienten sollen wissen, was wir tun und wie wir es tun.“ Anamnese und Diagnose bilden bereits die ersten Schritte zur sozialarbeiterischen Intervention; sie unterstützten den Dialog mit dem Klienten, betont Pantucek. Zu den Methoden der Sozialen Diagnose zählen unter anderem die Netzwerkkarte, „sie zeigt Zusammenhänge und Änderungsmöglichkeiten auf“. Ein relativ neues Instrument ist die PIE-(Person In Environment)- Klassifikation, die künftig eine ähnliche Rolle wie das ICD-10 in der Medizin spielen könnte, meint Pantucek.Auf vier Achsen werden dabei Probleme in der Rolle und in der Umwelt sowie psychische und körperliche Erkrankungen erfasst.