Kulturelle und sprachliche Barrieren behindern die medizinische Betreuung vieler Migrantenkinder. Ein Leitfaden soll die Situation verbessern.
Welche gravierenden Folgen sprachliche und kulturelle Barrieren zwischen Arzt und Patient haben können, musste eine türkische Familie in der Kinderabteilung eines Wiener Krankenhauses erfahren: Beim ersten Kind des jungen Ehepaares A. wurde eine genetische Stoffwechselerkrankung festgestellt. Daraufhin wurden die Eltern im Zuge einer genetischen Beratung anhand schematischer Bilder über die Vererbungslehre und das Risiko, ein weiteres krankes Kind zu bekommen, aufgeklärt. Die mathematische Wahrscheinlichkeit, nach der eines von vier Kindern krank ist, zwei Träger der Krankheit sind, ohne selbst krank zu sein, und eines gesund ist, wurde von der Familie völlig falsch aufgefasst: Frau A. wurde dreimal schwanger und ließ alle drei Schwangerschaften abbrechen. Die vierte Schwangerschaft trug sie aus, in der Überzeugung, es handle sich nun um ein völlig gesundes Kind. Doch auch dieses Kind litt unter der Stoffwechselerkrankung.
Unklarheiten.
„Dieses Schicksal kann jeder Migrantenfamilie und jedem Berater jederzeit neuerlich passieren“, warnt Dr. Osman Ipsiroglu von der Universitätsklinik für Kinder- und Jugendheilkunde Wien. Ipsiroglu setzt sich seit Jahren mit den durch Sprachund Kulturbarrieren geschaffenen diagnostischen Unklarheiten, Fehlversorgungen, Chronifizierungen sowie fehlender Compliance auseinander, deren Folgen auch viele Kinder treffen - ein Thema, das zunehmend ins Blickfeld rückt.
Kürzlich wies die Österreichische Gesellschaft für Kinder- und Jugendheilkunde zusammen mit der Deutschen Gesellschaft für Sozialpädiatrie und Jugendmedizin in einer Aussendung darauf hin, dass Krankheiten bei Migrantenkindern generell ungünstiger als bei Kindern österreichischer oder deutscher Familien verlaufen: Die Adipositas- Prävalenz ist bei türkischen Kindern in Berlin fast doppelt so hoch wie bei deutschen Kindern; im Magen-Darm-Trakt von 44 Prozent der türkischen Vorschulkinder hat sich Heliobacter pylori angesiedelt, bei deutschen Vorschulkindern sind es nur sechs Prozent; Migrantenkinder zeigen im Vergleich zu deutschen Kindern eine signifikant höhere Prävalenz an Karies und eine stark defizitäre Inanspruchnahme zahnärztlicher Leistungen.
Es sind verschiedene sprachliche und kulturelle Kommunikationsbarrieren, die für die benachteiligte gesundheitliche Situation von Migrantenkindern verantwortlich sind:
■ die Sprache als erste und entscheidende Barriere
■ medizinische Sachverhalte, die von den Patienten nicht nachvollzogen werden können
■ kulturelle und religiöse Hintergründe und Denkweisen, die durch die Community geprägt werden
■ migrantenspezifische Verhaltensweisen.
Sprachprobleme.
Weil etwa die Hälfte der nichtösterreichischen Bevölkerung in Wien über wenige oder keine Deutschkenntnisse verfügt, gestaltet sich der Besuch im Krankenhaus oder beim Arzt schwierig. Zur Überwindung der Sprachbarrieren werden hauptsächlich Angehörige, vor allem die eigenen Kinder herangezogen, im Spitalsalltag auch Reinigungspersonal. Mit fatalen Folgen: Das Arzt-Patienten-Gespräch wird falsch, verkürzt, verzerrt oder unvollständig übersetzt; simple Anamnesefragen werden falsch wiedergegeben, wichtige Ratschläge des Arztes bleiben unübersetzt. „Gerade beim Einsatz von Kindern als Dolmetscher kann eine Kaskade an zusätzlichen Problemen bei den Kindern ausgelöst werden“, warnt Kinderarzt Ipsiroglu.
„Unser wichtigster Dolmetscher ist das Handy“, erzählt Dr. Reinhold Kerbl, Univ.- Prof. an der Universitätsklinik für Kinderund Jugendheilkunde Graz und Sekretär der Österreichischen Gesellschaft für Kinderund Jugendheilkunde. „Die Mütter, die mit ihren Kindern zu uns kommen, sprechen oft nicht deutsch. Sie rufen dann ihren Mann am Mobiltelefon an und drücken uns das Handy in die Hand.“ „Das größte Problem ist, dass viele Türken aus Höflichkeit ,ja, ja, ja‘ sagen, auch wenn sie nichts verstanden haben. Ich muss drei- bis viermal dasselbe in anderen Worten wiederholen, bis die Botschaft zu den Eltern meiner Patienten durchdringt“, beschreibt Dr. Gisela Kenda-Kurz die Kommunikationsschwierigkeiten mit ihrer zu 90 Prozent nichtösterreichischen, hauptsächlich türkischen Klientel. Dabei spricht die im 20. Wiener Gemeindebezirk niedergelassene Kinderärztin fließend türkisch. Die Folgen der sprachlichen Barrieren sind ihr dennoch vertraut: „Ich habe erlebt, dass jemand mit einem Krebsbefund in der Hand aus dem Krankenhaus zu mir gekommen ist, ohne zu wissen, was er hat.“
Missverständnisse.
Auch kulturelle Schranken erschweren die Kommunikation zwischen Arzt und den Eltern der kleinen Patienten. Zum Beispiel die traditionellen Familienstrukturen und die Stellung der Frau in der ländlich-dörflichen Gesellschaft, aus der die meisten türkischen Migranten stammen. „Ob ein Kind eine Impfung bekommt, entscheidet der Vater zu Hause“, erzählt Kinderärztin Kenda-Kurz. „In Österreich ist es üblich, dass Kinderärzte die Mutter zuerst begrüßen“, berichtet Pädiater Kerbl: „Die türkischen Väter erwarten allerdings, dass man sie zuerst begrüßt. Allein daraus kann das Gefühl entstehen, schlecht betreut zu werden.“
„Die Ernährungsgewohnheiten in der türkischen Community sind katastrophal - zu viel Süßes, zu viel Fett“, weiß Kenda- Kurz. Doch wenn die Großmutter zu Hause über die Kochtöpfe wacht, hilft auch der beste Diätplan nichts: „Die zumeist sehr jungen türkischen Mütter wagen es nicht, der älteren Generation zu widersprechen.“ Kenda-Kurzens Versuche, auch die Großmütter zur Ernährungsberatung in die Praxis zu bekommen, sind bisher gescheitert. Konkurrenz erwächst dem Arzt auch durch den Hodscha, den traditionellen Heiler, oder ältere Frauen, die diese Rolle übernehmen.
Ein häufiges Problem bei Migrantenkindern ist ein fehlerhaftes Geburtsdatum. Wenn zum Beispiel in der Türkei ein Kind nicht sofort nach der Geburt registriert wurde, so wird sein Geburtsdatum später von den Behörden mit 1.13. und dem dazugehörigen Jahr festgelegt - allein für hiesige EDV-Systeme eine kaum zu bewältigende Hürde. Aufgrund fehlerhafter Geburtsdaten kann es beispielsweise leicht passieren, dass bei Kindern fälschlicherweise eine Entwicklungsstörung diagnostiziert wird.
Integration als Ziel.
Um die Gesundheit von Kindern und Jugendlichen aus Migrantenfamilien zu verbessern, empfiehlt die Österreichische Gesellschaft für Kinder- und Jugendheilkunde ihren Mitgliedern die Verbesserung der eigenen Kommunikationsfähigkeit, eine dem Bildungsstand der Migranten angepasste Sprache, den Einsatz fremdsprachigen Informationsmaterials, professionelle Dolmetscher („Community Interpreter“) und Rücksicht auf die Familienstruktur (siehe Kasten). „Verständnis für das Anderssein des anderen - auf beiden Seiten“, formuliert ÖGKJ-Sekretär Kerbl.
Auch Ipsiroglu mahnt im Einklang mit der ÖGKJ einen eigenen Beitrag der Migranten ein, insbesondere das Erlernen der Sprache ihrer neuen Heimat: „Die Bereitschaft der Eltern soll gestärkt werden, selbst Deutsch zu lernen und dies beim Kind im Vorschulalter zu befürworten und zu fördern. Tatsache ist allerdings, dass bei des Lesens und Schreibens nicht kundigen Eltern dies ein eher hypothetischer Wunsch sein wird.“
Ipsiroglu empfiehlt daher, ähnlich wie in den Einwanderungsländern USA und Kanada, etwaige Maßnahmen direkt auf die Kinder zu konzentrieren: „Ziel aller Bemühungen sollte die Integration der Migrantenkinder in die medizinische und pädagogische Regelversorgung sein und nicht deren Isolierung durch anhaltend gesonderte Angebote, Strukturen oder Einrichtungen.“
Mag. Michael Kraßnitzer, MAS
© MMA 2005, ärztemagazin 8/2005






