Die Versuchung, Abkürzungen zu nehmen und sich mittels Betrug Arbeit zu ersparen, beruht letztlich auf menschlicher Schwäche“, so Prof. Dr. Richard Smith, ausgebildeter Mediziner und Past Editor des „BMJ“, Mitglied des britischen „Panel of Research Integrity in Health and Biomedical Sciences“ und Gründungsmitglied des „Committee on Publication Ethics“ in seinem Vortrag. „Und nicht selten ist Forschungsbetrug auch mit anderen Formen der Kriminalität, z.B. finanziellen Unterschlagungen verbunden“, so Smith weiter.
Während in früheren Jahren viele maßgebende Persönlichkeiten in der Welt der medizinischen Forschung das Problem des Betrugs für „sehr selten“ erklärten und „vorübergehender Geistesverwirrung“ auf Seiten der Schuldigen zuschrieben, sieht man das heute anders, wie Smith erläuterte. „Es ist so wie mit dem Thema Kindesmissbrauch“, sagt er. „Vor 20 Jahren hat man davon viel weniger gehört als heute, was nicht daran liegt, dass es seltener vorgekommen ist, sondern einfach daran, dass eben nicht darüber gesprochen wurde. Aber falsche Ergebnisse führen zu falschen Schlussfolgerungen und damit letztlich auch dazu, dass viele Patienten falsch behandelt werden.“
Spektakuläre Fälle
Ein aufsehenerregender Betrugsfall ereignete sich Mitte der Neunzigerjahre in Großbritannien. Der Gynäkologe Malcolm Pearce publizierte einen Fallbericht und eine randomisierte kontrollierte Studie im „British Journal of Obstetrics and Gynecology“. Der Fallbericht handelte von der Reimplantation einer ektopen Schwangerschaft in den Uterus, die, so Pearce, zu einer normalen Geburt geführt habe. Koautor war der Abteilungsleiter am „St. George’s Hospital“, der bekannten Gynäkologe Geoffrey Chamberlain. In der RCT ging es um die Rolle von humanem Choriongonadotropin bei Frauen mit polyzystischem Ovarsyndrom, die Spontanaborte erlitten hatten.
„Es stellte sich heraus, dass beide Studien gefälscht waren“, erzählt Smith. „Die Patientinnen existierten nicht, die Ergebnisse waren frei erfunden. Und nicht nur Pearce und Chamberlain, der versicherte, keine Ahnung von den Fälschungen gehabt zu haben, sondern z.B. auch eine junge Kollegin, die sicher nicht wusste, was hinter den Kulissen vorging, verloren ihre Jobs. Die früher gängige Praxis, dass Abteilungsleiter als Letztautoren in Studien mitgenannt werden, mit denen sie nichts zu tun hatten, steht heute sehr in Frage und wird als eine Form des Forschungsbetrugs betrachtet“, sagt Smith.
Auch ein österreichischer Fall erregte internationales Aufsehen. Der Urologe Univ.- Prof. Dr. Hannes Strasser von der Meduni Innsbruck hatte, wie im Sommer 2008 bekannt wurde, in einer Phase-III-Studie einer Reihe von Patienten mit Stressinkontinenz Stammzellen in die Harnröhre implantiert und damit, so Strasser, in vielen Fällen Kontinenz erreicht. Allerdings mussten die bereits beim „Lancet“ und in „Nature“ eingereichten Studien aufgrund von Ungereimtheiten wie offenbaren fehlenden Zustimmungen der Ethikkommission, zum Teil fehlenden Zustimmungserklärungen der Patienten und anderen fragwürdigen Details zurückgezogen werden. Auslöser war die Klage eines deutschen Patienten gewesen, die auf der korrekten Aussage beruhte, er sei ohne sein Wissen mit einer nicht wissenschaftlich akzeptierten Methode
behandelt worden.
Tragikomisch erscheint der Fall des indischen Wissenschaftlers Dr. Ram B. Singh, der ebenfalls des Forschungsbetrugs verdächtigt wurde. „Als einige Kollegen, die misstrauisch geworden waren, unangemeldet bei Singh in Indien erschienen, um die Rohdaten einer Studie zu fordern, die angeblich nur er besaß, erklärte Singh bedauernd, er könne diese Daten leider nicht herausgeben – sie seien von Termiten gefressen worden“, wie Smith schmunzelnd berichtet.
Wie häufig ist Betrug?
Die heute vorhandenen Daten weisen darauf hin, dass ca. 0,1 bis 1% aller publizierten Studien auf schwerem Betrug beruhen. „Das bedeutet aber, dass schwerer Forschungsbetrug keineswegs selten ist“, betont Smith, „denn wenn man z.B. bedenkt, dass die Definition von seltenen Erkrankungen mit Inzidenzen von 1:250.000 arbeitet, erkennt man sehr schnell die Dimension des Problems.“ Dazu kommt, dass beispielsweise bis zu 20% aller Studien redundant sind, dass bis zu 20% aller angegebenen Autoren nichts oder fast nichts mit der Studie zu tun hatten, dass mindestens die Hälfte aller Autoren Interessenkonflikte haben, die häufig verschwiegen werden, und dass die Probleme von Eingriffen des Studiensponsors bis hin zum selektiven Nichtpublizieren negativer Ergebnisse nahezu medizinischer Alltag sind.
Der „kleine“ Betrug
Während „großer“ bzw. „schwerer“ Forschungsbetrug wie in den genannten Fällen zweifellos ein gewaltiges Problem darstellt, ist doch die Frage, ob nicht die „kleineren“ Delikte (Auflistung s. Kasten) in diesem Zusammenhang mindestens ebenso schwerwiegend sind.
„Wir wissen z.B. von NSAR-Studien, die zu 100% von den jeweiligen Herstellern gesponsert waren, dass in 75% der Fälle das NSAR gleich gut abgeschnitten hat wie die Vergleichstherapie, in 25% besser, aber in keinem einzigen Fall schlechter“, sagt Smith. „Noch schlimmer ist es im Bereich mancher Psychopharmaka wie Antidepressiva oder Antipsychotika, wo es einen so gewaltigen Publikationsbias gibt, dass man heute dieses gesamte Forschungsgebiet als betrugsgeschädigt betrachten muss.“
Was ist zu tun?
„Der erste und wichtigste Schritt ist sicherlich das Zugeben des Problems“, sagt Smith. „Dann benötigt man eine allgemein akzeptierte Definition von Forschungsbetrug und zumindest eine unabhängige Untersuchungseinrichtung – wenn nicht mehrere.
Personen, die Forschungsbetrug öffentlich machen und dabei oft selbst schwer geschädigt werden, müssen rechtlich und umfassend geschützt werden. Es ist weiters sehr wichtig, an den potenziell betroffenen Institutionen einheitliche und faire Systeme einzurichten, um mit Betrugsfällen umzugehen.
Gefälschte Studien sollten immer und unter allen Umständen auch von den Journalen, die sie publiziert haben, zurückgezogen werden, weil die falschen Ergebnissen sonst nicht selten trotz ihrer Aufdeckung jahrelang weiter in Metaanalysen und der gesamten sonstigen Literatur kursieren. Schließlich muss ein Klima geschaffen werden, das betrügerische Praktiken nicht ermutigt, dazu gehört vor allem auch das Unterrichten guter Forschungspraxis. Und ein letzter Punkt ist die Notwendigkeit internationaler Zusammenarbeit, da ja auch die Forschungswelt heute international kooperiert.“
Smiths Schlussfolgerung ist klar und direkt: „Ich bin überzeugt davon, dass Forschungsbetrug ein ernstes Problem ist und dass wahrscheinlich auf lange Sicht der ,kleine Betrug‘ sogar gefährlicher ist als der ,große‘. Die meisten Länder haben noch keine adäquaten Maßnahmen ergriffen, um dieses Problem zu bekämpfen. Wenn das aber nicht geschieht, so wird das Vertrauen der Öffentlichkeit in die medizinische Forschung irgendwann in sich zusammenbrechen – was unabsehbare Folgen hätte.“
Dr. Norbert Hasenöhrl
„Reasearch Fraud – Major or Minor Problem?“, Vortrag von Richard Smith, im Rahmen einer Wissenschaftlichen Sitzung der Gesellschaft der Chirurgen in Wien, 5. März 2009, AKH Wien
© MMA 2008, ärztemagazin 15/2009




