28. Juli 2010
Clinicum Medizin Medien Austria

Suspense Literatur: Kollege Hannibal Lecter

Ob international bekannter Thriller oder lokal gefärbter Krimi aus einer Schweizer Kleinstadt – bestimmte Bilder und Muster in der Darstellung von Psychiatern kommen immer wieder vor. Eine Zusammenschau aus 18 Büchern aktueller Suspense-Literatur.

Eugen Bleuler, Emil Kraepelin, Julius Wagner-Jauregg – große Namen der Psychiatrie. Doch keiner von ihnen hat es wohl zu derartiger Berühmtheit gebracht wie unser fiktiver Kollege Hannibal Lecter, der vom American Film Institute zum bösesten Schurken der Filmgeschichte gewählt wurde. Doch Dr. Lecter steht nicht allein da: Vor allem in US-amerikanischen, aber auch in deutschsprachigen Krimis tummeln sich Psychiater auf beiden Seiten des Rechts: Als Täter und Ermittler, aber auch als Opfer, bisweilen sogar einfach als Psychiater. Krimis spiegeln immer auch soziale Bedingungen ihrer Zeit: Sie nehmen gesellschaftliche Fragen auf, interpretieren sie und stellen sie den Lesern wieder zur Verfügung, und gerade Krimis verhandeln oft zutiefst psychiatrische Themen: Wenn es um Gewalt und Mord geht, ist die Frage nach „Verrücktheit“ meist nicht weit. Wir haben nun einigen der fiktiven Kollegen auf die Finger geschaut: Wer sind sie, wie arbeiten sie, und was machen sie im Krimi?

Professionen und Methoden

Der prototypische Psychiater in den uns vorliegenden Büchern ist überaus scharfsinnig, oft genial, jedenfalls schlauer als die Polizei, wohlhabend, und er hat einen tiefenpsychologischen Zugang zur Welt. Die Psychiaterin ist darüber hinaus noch von überirdischer Attraktivität und Erotik. In Büchern aus den USA haben Psychiater darüber hinaus die Neigung, sich im Lauf der Geschichte als gefährliche „Psychopathen“ zu offenbaren. Natürlich gibt es auch Abweichungen von diesem „Prototyp“, bisweilen gibt es sogar Schwierigkeiten in der Bestimmung, was denn überhaupt Psychiater sind und wie sie sich von anderen Berufsgruppen unterscheiden. So verschreibt ein Psychologe bisweilen Medikamente, z.B. in John Katzenbachs „Die Anstalt“, und Virginie Bracs sehr lebensnah dargestellte psychiatrische Assistenzärztin Véra Cabral wird im Covertext als „Psychologin“ bezeichnet. Betrachtet man den modernen psychiatrisch ausgebildeten Menschen als Person, die biologische und psychotherapeutische Kenntnisse vereint, fällt auf, dass in Krimis medizinische Verfahren hinter psychotherapeutischen Ansätzen oft in den Hintergrund treten. Im Denken und Handeln der von uns analysierten fiktiven Kollegen finden wir häufig implizit oder explizit tiefenpsychologisch gefärbte Vorstellungen und Konzepte, vier sind Psychoanalytiker. Aber auch Psychiater, die keineswegs im therapeutischen Bereich arbeiten, wie der forensische Psychiater Frank Clevenger bei Keith Ablow oder Psychiater, die überwiegend der Täterseite zuzuordnen sind, wie Thomas Harris’ Hannibal Lecter und Jonah Wrens bei Keith Ablow haben eine ganz vorwiegend tiefenpsychologisch geprägte Sicht auf die Genese verbrecherischen Verhaltens. Als Ausreißer in die psychopharmakologische Richtung muss man in diesem Zusammenhang wohl Martin Kleens „Psychiatrie“ erwähnen, spielt der Thriller doch im Spannungsfeld zwischen Pharmaindustrie und stationärer Versorgung. Die Pharmaindustrie wird hier dem organisierten Verbrechen gleichgestellt, das ähnlich hierarchisch strukturiert ist und sich identer Methoden der Machterhaltung bedient. Durch diesen Kunstgriff werden ein korrumpierbares Medizinsystem und seine Protagonisten – Ärzte und Pflegepersonal – zu potenziell bedrohlichen Mittätern. Eine besondere Rolle spielen Pharmaka auch bei James Ellroy: Der ebenso geniale wie kriminelle Psychiater John Havilland stellt psychoaktive Substanzen in den Dienst seiner Verbrechen. Und Hannibal Lecter erweitert seine ärztliche Kompetenz sogar über das psychiatrisch Übliche hinaus: Er hat einen ganz großen Auftritt als Arzt, wenn er Clarice Starling nach allen Regeln der Kunst eine Kugel entfernt. Psychiater agieren in sehr unterschiedlichen beruflichen Feldern, manche sind – wie es das Genre nahelegt – im forensischen Bereich, in der Justiz oder im Bereich der Exekutive tätig: Sie arbeiten für das FBI wie Keith Ablows forensischer Psychiater Frank Clevenger oder im Gefängnis wie bei Matt Ruff. Sie können auch selber in einer forensischen Psychiatrie festgehalten werden wie zeitweise Thomas Harris’ Hannibal Lecter oder von einem psychiatrischen Krankenbett aus agieren, fixiert und mit Neuroleptika behandelt wie Dr. Viktor Larenz in Sebastian Fitzeks Thriller „Die Therapie“. Manche führen ein Doppelleben: Einerseits durch die USA reisender Vertretungspsychiater, andererseits „Highway-Killer“ bei Keith Ablow, einerseits Arzt mit eigener Praxis, auf der anderen Seite Guru, der ausgewählte Menschen zu willenlosen Instrumenten der eigenen mörderischen Pläne heranzüchtet wie bei James Elroy. In Daniel Kallas „Die Therapie“ werden wir auch mit einem angesehenen Psychiater und Lehrtherapeuten konfrontiert, der gleichzeitig ein sadomasochistischer Mörder ist.

Psychiatrischer Alltag

Neben außergewöhnlichen Figuren und Schauplätzen zeigen Krimis aber auch ein Stück psychiatrischen Alltag. So führt uns Virginie Brac in Véra Cabrals zweitem Fall in eine Pariser Kriseninterventionsstelle, und John Katzenbach zeigt uns verschiedenste Facetten der Psychiatrie von medikamentöser Behandlung bis zu psychoanalytischer Therapie und Sozialpsychiatrie. Hervorzuheben ist an dieser Stelle wohl Dr. Raffael Horn, eine Figur des österreichischen Schriftstellers und Psychiaters Paulus Hochgatterer. Dr. Horn arbeitet im Krankenhaus einer österreichischen Kleinstadt. Er verschreibt Medikamente, arbeitet therapeutisch, hat eine Station und eine Ambulanz zu versorgen, und seine Tätigkeit als Konsiliarius führt ihn in diverse Abteilungen. Die zahlreichen Fallvignetten und die Tücken seiner beruflichen Laufbahn haben etwas Vertrautes. Insgesamt ist er wohl durchaus als Identifikationsfigur für einige österreichische Psychiater geeignet.

Psychiater als Detektive

Sei es in ihrem normalen beruflichen Umfeld oder im Zusammenhang des Kriminalfalls – eine zentrale Rolle spielt das Wissen: das Wissen um die Psyche der Menschen, der scharfe Blick direkt ins Gehirn. „Sie sind Meister darin, den Leuten in die Köpfe zu schauen“, lässt Keith Ablow in „Der Psychopath“ einen Reporter sagen und fasst damit das Prinzip zusammen, mit dem Psychiater häufig Kriminalfälle lösen: Sie können sich in Täter hinein versetzen und ihre nächsten Schritte antizipieren. Diese Fähigkeit hat jedoch zwei Seiten: Psychiater werden dafür geschätzt und bewundert, gleichzeitig aber zur Bedrohung, und nicht selten werden sie umgebracht, weil sie etwas wissen oder auch nur verdächtigt werden, zu viel zu wissen. Nicht immer jedoch sind Psychiater Teil der Täter-Opfer-Ermittler-Konstellation. Sie treten auch als Zeugen auf oder werden zu unrecht verdächtigt wie bei Susanne Mischke, oder sie arbeiten schlicht als Psychiater wie bei Paulus Hochgatterer. Aus diesen Positionen bringen sie einen spezifischen fachbezogenen Blickwinkel in das Geschehen ein und versorgen Polizei und Leser mit wichtigen Informationen. Bei Paulus Hochgatterer ist es schließlich auch der Psychiater in seiner Funktion als Behandler, dem sich die entscheidende Information zur Ergreifung des Täters erschließt. In ihrer Herangehensweise an Kriminalfälle fehlt es jedoch vielen der fiktiven Kollegen an jeglicher professioneller Distanz. Psychiater werden nicht nur aufgrund ihrer fachlichen Qualifikation in Verbrechen involviert, sondern auch aufgrund ihrer Biografie. Sie werden von zutiefst persönlichen Motiven getrieben, sind durch ihre Biografie in irgend einer Art und Weise mit den Täter verbunden und wollen (oder müssen) durch die Aufklärung des Falls etwas ganz Privates wieder „heil“ machen. Auch im therapeutischen Kontext verbindliche Regeln wie Abstinenz und Schweigepflicht werden immer wieder verletzt. Dies kann höchst reflektiert passieren, als bewusste Entscheidung oder völlig unhinterfragt und selbstverständlich. Vor diesem Hintergrund vermag es auch nicht zu verwundern, wenn Psychiater sich einigermaßen janusköpfig verhalten, indem sie ihre unterschiedlichen beruflichen Funktionen nicht trennen: Sie täuschen ein therapeutisches Setting vor, obwohl sie längst zu Ermittlern geworden sind, und missbrauchen damit das Vertrauen der Patienten. „Psychiater können ganz schön raffiniert und hinterhältig sein, Psychologen übrigens auch“, lässt Susanne Mischke eine Psychologin in „Der Tote vom Maschsee“ sagen. Raffinesse und Hinterhältigkeit als Methode – das drückt wohl auch die Ambivalenz aus, die den Psychiatern entgegengebracht wird: Auf der einen Seite Respekt aufgrund ihrer Fähigkeiten und Kompetenzen, auf der anderen Seite – zum Teil begründetes – Misstrauen und Distanz.

Von Dr. Margit Breuss, Dr. Susanne Maislinger, Dr. Renate Groß und Dr. Wilhelm Kantner-Rumplmair

© MMA, CliniCum neuropsy 6/2008

Zum Nachlesen:
• Ablow, Keith (USA): Psychopath. Deutsch bei
Goldmann 2003, übersetzt von Ute Thiemann
• Ablow, Keith (USA): Ausgelöscht. Deutsch bei
Goldmann 2005, übersetzt von Ute Thiemann
• Atkins, Charles (USA): Risiko. Deutsch bei Lübbe
2008, übersetzt von Marcel Bülles
• Brac, Virginie (F): Du hast ein dunkles Lied mit
meinem Blut geschrieben, Véra Cabrals zweiter
Fall. Deutsch bei Rowohlt 2007, übersetzt von
Karolina Fell
• Elroy, James (USA): In der Tiefe der Nacht.
Deutsch bei Ullstein 2006, übersetzt von Rainer
Schmidt
• Fitzek, Sebastian (D): Die Therapie. Knaur 2006
• French, Nicci (GB): Das Rote Zimmer. Deutsch bei
Goldmann 2007, übersetzt von Birgit Moosmüller
• Hochgatterer, Paulus (A): Die Süße des Lebens.
Deuticke 2006
• Gehring, Hansruedi (CH): Rätselhafter Tod in
Zähringen. Orte 2001
• Harris, Thomas (USA): Die Hannibal-Lecter-Romane.
Deutsche Gesamtausgabe bei Heyne 2008
• Kalla, Daniel (Can): Rage – Die Therapie. Deutsch
bei Heyne 2008, übersetzt von Martin Ruf
• Katzenbach, John (USA): Die Anstalt. Deutsch bei
Droemer/Knaur 2006, übersetzt von Anke Kreutzer
• Katzenbach, John (USA): Der Patient. Deutsch bei
Droemer/Knaur 2006, übersetzt von Anke Kreutzer
• Kleen, Martin (D): Psychiatrie. Leda 2007
• Mischke, Susanne (D): Der Tote vom Maschsee.
Piper 2008
• Rossmann, Eva (A): Freudsche Verbrechen. Folio
2001
• Ruff, Matt (USA): Bad Monkeys. Deutsch bei Hanser
2008, übersetzt von Giovanni Bandini und Ditte
Bandini
• Thomashoff, Hans-Otto (A): Die Notizen des Doktor
Freud. Deuticke 2004