WIEN – Der Hauptverband der SV-Träger gab vor Kurzem den offiziellen Startschuss für die E-Medikation bekannt. Ab Jahresende wird das System in drei Pilotregionen in Wien, Tirol und Oberösterreich getestet. Nach der Evaluation der Pilotphase könnte die E-Medikation Ende 2011 österreichweit eingeführt werden.
Wels-Grieskirchen, Reutte und Zams sowie rund um das SMZ-Ost/ Donauspital im 22. Wiener Gemeindebezirk: Hier können ab Ende November Patienten, Ärzte und Apotheker zum ersten Mal die E-Medikation testweise ausprobieren. Für neun Monate werden im Pilotbetrieb Daten über verschriebene, verabreichte und verkaufte Medikamente sowie ihre Wechselwirkungen elektronisch gespeichert. Einer der Knackpunkte auf dem Weg zum Projekt war der Umgang mit OTCs. Diese werden nun in den Pilotversuch integriert. Erfasst werden nicht Markennamen, aber 81 Wirkstoffe, die Wechselwirkungen zu Arzneien haben könnten. Die Teilnahme an diesem System erfolgt in der Testphase für Ärzte, Apotheker und Patienten freiwillig. Während Hausärzte bereits über das nötige E-Card-Lesegerät verfügen, müssen Apotheken hier erst nachrüsten. Um nötigenfalls die Software anzupassen, werden Ärzte und Apotheken jedoch eine Förderung erhalten, verspricht DI Volker Schörghofer, der Generaldirektor- Stellvertreter des Hauptverbandes der Sozialversicherungsträger. Diese Unterstützung soll auch wettmachen, dass sich Apotheker in der Pilotphase vielleicht noch mit technischen Kinderkrankheiten des Systems herumschlagen müssen. Als weiteren Vorteil sieht DI Schörghofer, dass Apotheker mit dem Kartenlesegerät auch Rezeptgebührenbefreiungen leichter überprüfen können, die derzeit oft unvollständig ausgestellt auf der Tara landen. Zudem könnten die Apotheker mit der E-Medikation ihre Kunden besser beraten, da Informationen zu Interaktionen – auch zu OTCs – leichter zugängig sind.
TechnischeVoraussetzungen DI Schörghofer zufolge verfügen derzeit zirka 70 Apotheken in Salzburg und einige wenige in Wien über E-Card-Lesegeräte. Die Apotheken in Salzburg besitzen diese noch vom Arzneimittelsicherheitsgurt. Da für den Pilotversuch zu Jahresende aber eine neue Software nötig ist, werden die Salzburger Apotheken nachrüsten müssen. Mag. Leopold Schmudermaier, Vizepräsident der Österreichischen Apothekerkammer, sieht mit der E-Medikation den organisatorischen, Beratungs- und Informationsaufwand für die Apotheker steigen. Viele Apotheker würden dem neuen System zwar noch skeptisch gegenüberstehen, Mag. Schmudermaier ist aber überzeugt, dass die Grundeinstellung zur E-Medikation positiv ist. Apotheker und Ärzte werden im Sommer mit Infoveranstaltungen und Schulungen auf den Versuch vorbereitet. Laut Dr. Hans Jörg Schelling, dem Vorstandsvorsitzenden des Hauptverbandes der Sozialversicherungsträger, werden Rezepte schon jetzt zu 90 Prozent beim Hausarzt gespeichert. Der zusätzliche Aufwand bestünde lediglich darin, einmal mehr auf den Knopf zu drücken, um das Rezept abzuschicken, damit die Information im System Apothekern, Krankenhäusern und anderen Ärzten zur Verfügung steht. Das neue System soll das Papierrezept nicht ersetzen, aber die Daten werden parallel elektronisch fließen.
E-Card ist der Schlüssel zur Datenbank
Gespeichert werden die Daten über die abgegebenen Medikamente in einer Datenbank. Die E-Card bildet den Schlüssel dazu. Auf der Karte selbst werden nur Name, Versicherungsnummer und Datum des letzten Arztbesuches gespeichert. Informationen über die verschriebenen Medikamente landen in der Datenbank eines Arzneimittelkontos. Die Daten werden dort nur für die Dauer der Einnahme bzw. für zirka sechs Monate gespeichert. Eine Ausnahme davon bilden nur Dauermedikationen, zu denen auch die Information darüber langfristig vermerkt wird.
Ziel der E-Medikation ist es, DoppelverschreibungenundWechselwirkungen zu erkennen. Immerhin erhalten laut DI Schörghofer Patienten zwischen 60 und 70 Jahren durchschnittlich mehr als 20 Medikamentenpackungen pro Jahr. Bei den 70- bis 80-Jährigen waren es sogar mehr als 40 Packungen pro Jahr. Laut Dr. Schelling geht es bei dem neuen System auch um das Vermeiden von Folgekosten. So ließen sich z.B. Medikamentallergien erkennen. Auf eine mögliche Interaktion achtet zunächst der Arzt beim Verschreiben. Apotheker können beim Abholen der Medikamente nochmals prüfen und sollen bei einer angezeigten Interaktion frei verkäufliche Mittel nicht abgeben dürfen. Bei einer Wechselwirkung zwischen verschriebenen Medikamenten darf der Apotheker kein anderes Medikament abgeben – auch nicht, wenn es den gleichen Wirkstoff enthält. Der Apotheker kann nochmals den Patienten auf die Wechselwirkung aufmerksam machen. Ist diese unvermeidbar bzw. gibt es gute Gründe, die für das Verschreiben eines Medikamentes sprechen, auch wenn es Interaktionen mit einem anderen gibt, entscheidet darüber der Arzt.
Die richtige Einnahme
In vielen Fällen geht es laut Dr. Schelling nur um die richtige zeitliche Einnahme. So sollten z.B. manche Vitamine nicht gleichzeitig mit einem Medikament genommen werden; eine zeitlich versetzte Einnahme sei mitunter jedoch kein Problem. Zudem könne es auch positive Interaktionen geben. Der Vorteil des Systems sei, dass man tausende Präparate und Nebenwirkungen schließlich nicht im Kopf haben könne. Das System müsse ständig gewartet werden, um neu auf den Markt kommende Mittel zu integrieren.
Befürwortung für das neue System kommt von Patientenanwalt Dr. Gerald Bachinger. Er untermauert das mit Zitaten aus einer Studie der Paracelsus-Universität, die Ende 2008 in der Wiener Klinischen Wochenzeitschrift erschienen ist: Demnach fand man bei über 30 Prozent der für die Studie erfassten Patienten verzichtbare Medikamente, bei ebenfalls über 30 Prozent waren die verordneten Medikamente für alte Menschen inadäquat, bei über 20 Prozent der Patienten wurde falsch dosiert und bei zirka einem Viertel der Patienten waren Nebenwirkungen der Grund für eine Krankenhausaufnahme. Dr. Bachinger versteht den Widerstand der Hausärzte gegen die E-Medikation nicht. Aus seiner Sicht erhielten sie mit dem System endlich ein Werkzeug, um die Übersicht über die Medikamente ihrer Patienten zu behalten. Zudem hätten viele der Ärzte die notwendige Software bereits jetzt im Hintergrund laufen.
Die mehr als drei Millionen Euro Kosten für das Pilotprojekt teilen sich Bund, Länder und Bundesgesundheitskommission zu je einem Drittel. Der Hauptverband der Sozialversicherungsträger hofft, dass pro Region an der Pilotphase 100 niedergelassene Ärzte, 30 Apotheken und ärztliche Hausapotheken sowie je ein Krankenhaus teilnehmen. Nach neun Monaten wird evaluiert. Ende 2011 soll die E-Medikation bundesweit eingeführt werden. Sie ist dann für die Kassenvertragspartner verpflichtend, für die Patienten weiterhin freiwillig.
MAH




