06. September 2010
Medical Tribune Medizin Medien Austria

Serie Sexualmedizin (17): Probleme der Frauen
Hilfe ist möglich

WIEN – Es gibt zurzeit in Österreich noch keine offiziell zugelassenen Medikamente zur Behandlung weiblicher Sexualstörungen. Was deshalb nicht heißt, die Hände in den Schoß zu legen. Für die häufigsten weiblichen Sexualfunktionsstörungen, wie Lubrikationsstörungen, Dyspareunie sowie Erregungs- und Orgasmusstörungen, existiert bereits eine Reihe von ganz konkreten Therapiemöglichkeiten – mit hoher Erfolgsrate.

Es sei traurig, aber wahr, bedauert Dr. Elia Bragagna die Situation, dass gut wirksamen Medikamenten die Zulassung für bestimmte Indikationen auf dem Gebiet weiblicher Sexualstörungen fehle. „Zum Glück existieren aber weltweit genug wissenschaftlich untermauerte Daten, die uns erlauben, Off-Label-Therapien anzuwenden“, setzt die Leiterin der Akademie für Sexuelle Gesundheit nach, um dann gleich in medias res zu gehen. Die folgenden Behandlungsoptionen stehen derzeit für die Therapie von weiblichen Sexualstörungen zur Verfügung:

  • Lubrikanzien: Die Indikation für Gleitmittel sind Lubrikationsstörungen trotz ausreichender Stimulation. Es gebe Gleitmittel auf Wasser-, Silikon- , Öl- oder Fettbasis, informiert Dr. Bragagna. Bei öl- und fetthaltigen Gleitgelen ist jedoch Vorsicht geboten, da sie Kondome aus Latex porös und rissig werden lassen. „Auf Silikonbasis produzierte Produkte wirken länger, kleben weniger und greifen die Kondome nicht an.“
  • Moisturizer: Die Indikationen für vaginale Befeuchtungsmittel, so genannte Moisturizer wie Replens®, sind Vaginalatrophie und schmerzhafter Geschlechtsverkehr bei bestehender Kontraindikation gegen eine Östrogen- Therapie. Das Gel wird zwei- bis dreimal in der Woche auf die Vaginalschleimhaut aufgetragen. Dadurch bildet sich ein feuchtigkeitsspendender, gleitfähiger Vaginalfilm.
  • Hyaluron-Vaginalzäpfchen: Vaginalzäpfchen mit Hyaluronsäure (Cikatridina®) sind in der Perimenopause angezeigt, um die ersten Folgen der Vaginalatrophie abzufedern. Hyaluronsäure und Pflanzenextrakte verbessern den Feuchtigkeitsgehalt und die Elastizität der Vaginalschleimhaut und unterstützen deren Regeneration.
  • EROS-CTD: Bei EROS-CTD handelt es sich um ein Klitoris- Vakuum-Vibrationsgerät für die Indikationen Erregungs- und/ oder Orgasmusstörungen. „Das Gerät führt zu einer deutlichen Verbesserung der genitalen Durchblutung, der Orgasmusfähigkeit und des Erregungsaufbaus“, sagt dazu Dr. Bragagna.
  • Vaginale Dilatatoren: Vaginale Dilatatoren, die es in Plastik, Glas oder Metall gibt, sind im Rahmen der Sexualtherapie des Vaginismus und des schmerzhaften Geschlechtsverkehrs indiziert.
  • Physiotherapie (Beckenbodentraining): Schmerzhafter Geschlechtsverkehr, Vaginismus sowie Orgasmus- oder Erregungsstörungen sind Indikationen für ein Beckenbodentraining. „Die Physiotherapie hilft der Frau, den Beckenboden wieder bewusst wahrzunehmen, ihn anzuspannen und zu entspannen, ihn zu stärken und die Zusammenhänge mit der Bauchdecke, dem Rücken und den Hüften zu erfühlen“, erläutert die Sexualtherapeutin. Das Training kann mit Hilfe eines Biofeedbackgerätes intensiviert werden.
  • Nichthormonelle medikamentöse Therapie
    1. PDE-5-Hemmer: Indikationen dafür sind genitale Erregungsund Lubrikationsstörungen. Die bei Männern wohlbekannten Medikamente bewirken eine Hemmung der Phosphodiesterase-5 in der glatten Muskulatur der Corpora cavernosa der Klitoris. In der Folge kommt es zu einer erhöhten Konzentration von Stickstoffmonoxid (NO) und damit zu einer Vasodilatation. „Wichtig ist allerdings zu erkennen, ob die Frau an einer genitalen oder an einer mentalen Erregungsstörung leidet“, betont Dr. Bragagna, „denn die PDE-5-Hemmer wirken nur bei einer genitalen Erregungsstörung.“ Wie beim Mann sind auch hier alle Kontraindikationen zu beachten. In den Studien kamen Dosierungen zwischen 10 bis 100 mg zum Einsatz.
    2. Apomorphin: Die Indikationen für Apomorphin, einen Dopamin- D2-Rezeptor-Agonisten, sind ebenfalls Erregungs- und Lubrikationsstörungen. „Es gibt Hinweise, dass Dopamin bei der Regulierung der weiblichen sexuellen Erregung eine Rolle spielt, vor allem die zentralen D2-Rezeptoren“, so die Sexualmedizinerin. In Studien zeigte die Dosierung mit 3 mg Apomorphin eine gute Wirkung.
    3. L-Arginin: Als dritte Möglichkeit einer nichthormonellen medikamentösen Therapie genitaler Erregungs- und Lubrikationsstörungen nennt Dr. Bragagna L-Arginin (Prelox®). Diese Aminosäure stellt eine Vorstufe der NO-Synthese dar. Bei den Männern zeigt L-Arginin in einer Dosierung von mehr als 3 g eine erektionsfördernde Wirkung. Bei den Frauen liege leider nur eine Studie von LArginin in Kombination mit Yohimbin vor, berichtet die Expertin.
  • Hormonelle medikamentöse Therapie
    1. Östrogene lokal: Die Indikation für die lokale Anwendung von Östrogenen ist die vaginale Atrophie mit eventuell begleitender Erregungsstörung oder Dyspareunie.
    2. Östrogene systemisch: Die Wichtigkeit der Östrogene für den Erregungsaufbau wurde in zahlreichen Studien belegt, ebenso die Wirkung von Testosteron in Bezug auf das sexuelle Verlangen (vor allem als Kombinationstherapie). Bei DHEA (Dehydroepiandrosteron, Vorstufe der Sexualhormone) sind laut Dr. Bragagna die Aussagen noch zu gegensätzlich, um eine konkrete Empfehlung aussprechen zu können.
Nach diesem breiten Therapiespektrum spricht die Sexualmedizinerin noch operative Eingriffe an. Diese seien jedoch zur Behandlung von Sexualstörungen nur in sehr seltenen Fällen angebracht, eine Empfehlung dazu sollten lediglich sexualmedizinisch erfahrene Ärzte aussprechen.

Psychosozial bedingte Sexualstörungen

Abschließend geht Dr. Bragagna auf die Therapieoptionen von psychosozial bedingten Sexualstörungen ein. Hier nennt die erfahrene Sexualtherapeutin zunächst die Einzelpsychotherapie. Die Indikation dafür: „Wenn psychische Konflikte und Verhaltens- oder Denkmuster aus der Vergangenheit in der Gegenwart zu Sexualstörungen führen.“ Eine weitere Option ist die Paar- oder Sexualtherapie. Diese ist bei chronisch bestehenden Sexualstörungen angezeigt, da gleichzeitig auch immer Beziehungsprobleme als Ursache oder Folge vorliegen. Als dritte Behandlungsmöglichkeit führt Dr. Bragagna die Sozialberatung an, die sie bei sozial bedingten Sexualstörungen empfiehlt.

red/Mag. Anita Groß

 

Information

Die Akademie für Sexuelle Gesundheit (AfSG) startet den zweiten Kurs zur Sexualmedizinischen Grundausbildung am 24./25. September 2010 in Wien.
Programm und Anmeldung unter: www.afsg.at

 

© MMA, Medical Tribune • 42. Jahrgang • Nr. 28-30/2010
Probleme rund um die Sexualität gibt es bei vielen Patienten. In der täglichen Praxis wird aber kaum darüber gesprochen, denn sowohl Betroffene als auch Ärzte sind oft verunsichert. Dr. Elia Bragagna will mit einer sexualmedizinischen Grundausbildung Abhilfe schaffen. Der MT verrät die Gründerin der „Akademie für Sexuelle Gesundheit“ die wichtigsten Tipps im Umgang mit dem Thema Sexualität.

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Serie Sexualmedizin (2)
Wieder Selbstvertrauen in die eigene Potenz gewinnen

Foto: BilderBox – Erwin Wodicka
Die tägliche Dosierung eines PDE-Hemmers eigne sich nicht nur für ältere ED-Patienten, so Univ.-Doz. Dr. Andreas Jungwirth, Leiter der Abteilung für Urologie, spezielle urologische Chirurgie und Andrologie, EMCO Privatklinik Bad Dürrnberg, Salzburg. Auch junge Männer mit rein psychogener Erektionsstörung profitieren von einer dreimonatigen „Tadalafil-Kur“.

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Serie Sexualmedizin (3)
Neurophysiologie der Sexualität

Foto: BilderBox – Erwin Wodicka
Der dritte Teil der MT-Serie zur Sexualmedizin beschäftigt sich mit der Neurophysiologie der Sexualität und den viel zitierten Schmetterlingen im Bauch.

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Serie Sexualmedizin (4)
Sexualrelevante Hormone der Frau

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In dieser Folge der MT-Serie zur Sexualmedizin geht es um die faszinierende Welt der sexualrelevanten Hormone, und zwar zunächst um die der Frau. Obwohl klar ist, dass Hormone nicht alleine für eine ungestörte Sexualfunktion verantwortlich sind, erfüllen sie zweifellos eine wichtige Aufgabe. Was die Wissenschaft darüber weiß und was noch nicht, verrät Univ.-Prof. DDr. Johannes Huber, Leiter der Abteilung Gynäkologische Endokrinologie und Reproduktionsmedizin an der Wiener Universitätsfrauenklinik, im Gespräch mit Medical Tribune.

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Serie Sexualmedizin (5)
Behinderung und Sexualität

 	Foto: BilderBox – Erwin Wodicka
Die Sexualität behinderter Menschen ist ein mit Tabus und Missverständnissen gespicktes Feld. Pointiert und in einer auch für Betroffene verständlichen Sprache äußert sich die Schweizer Psychologin und Psychotherapeutin Dr. Aiha Zemp zum Thema. Auch die Ärzteschaft kommt in ihren Ausführungen nicht ungeschoren davon.

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Serie Sexualmedizin (6)
Erektile Dysfunktion ganzheitlich betrachten

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Nicht wenige Männer und bei weitem nicht nur ältere Semester sind davon betroffen – Erektionsprobleme können so gut wie in jedem Alter auftreten und die verschiedensten Ursachen haben. Sinnvoll ist hier eine interdisziplinäre Abklärung und Therapie.

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Serie Sexualmedizin (7)
Jeder fünfte Mann ab 50 weist einen Testosteronmangel auf

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Was die sexualrelevanten Hormone des Mannes angeht, steht und fällt alles mit dem Testosteron. Dementsprechend leiden Männer, wenn mit diesem Hormon etwas nicht passt. Ein Testosteronmangel wirkt sich nicht nur auf die Sexualität aus, sondern kann auch eine Reihe anderer Unbill nach sich ziehen: Leistungsabfall, Gewichtszunahme, Antriebslosigkeit bis hin zu depressiven Verstimmungen. Da eine Störung der Sexualfunktion nach wie vor ein Tabu ist, sollte der Arzt bestimmte Patienten aktiv auf dieses Thema ansprechen und eine entsprechende Therapie einleiten.

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Serie Sexualmedizin (8)
Sexuelle Funktionsstörungen

Foto: BilderBox.com
Obwohl sich mehr Patienten als früher trauen, etwaige sexuelle Störungen anzusprechen, ist die Dunkelziffer noch immer groß. Grob geschätzt lassen sich zwei von drei Männern mit Potenzstörungen ihre Probleme nicht abklären. Insgesamt gehen Experten davon aus, dass bis zu einem Drittel der Männer von irgendeiner Sexualfunktionsstörung betroffen ist. Bei Frauen dürften es mindestens ebenso viele sein. Urologen wünschen sich daher, dass auch der Hausarzt oder Internist bei bestimmten Patienten nach deren Sexualleben fragt – auch unter dem Aspekt, dass Potenzprobleme oft ein Warnsignal für Gefäßstörungen sind.

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Serie Sexualmedizin (9)
Dyspareunie – Die Pein im Bett

Dr. Barbara Eberz, Foto: Karp
Frauen mit chronischen Schmerzen beim Sex haben oft eine wahre Arztodyssee hinter sich, bis sie endlich jemand finden, der genau hinschaut. Eine solche Ärztin ist die niedergelassene Gynäkologin Dr. Barbara Eberz in Mürzzuschlag. Die Spezialistin für Vulvaerkrankungen erklärt im MTInterview, warum das „genaue Schauen“ gar nicht so schwer, aber von enormer Bedeutung für eine exakte Diagnose ist.

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Serie Sexualmedizin (10)

Foto: BilderBox – Erwin Wodicka
Eine gute Anamnese ist schon die halbe Diagnose, so eine alte Arztweisheit. Doch gerade bei Sexualstörungen der Frau scheinen sich viele zu scheuen, klare Fragen zu stellen und eindeutiges Vokabular zu verwenden. Dabei ist es gar nicht so schwer, wenn Sie sich an eine Struktur und ein paar Basisregeln halten.

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Serie Sexualmedizin (11)

Foto: Bilderbox
Ejaculatio praecox, erektile Dysfunktion und der Altershormonmangel sind die drei häufigsten Sexualfunktionsstörungen des Mannes. Alle drei sind gut behandelbar, daher sind die eingehende Anamnese und die exakte Diagnose die Dreh- und Angelpunkte, um durch eine entsprechende Therapie das Sexualleben des Patienten (und seiner Partnerin) wieder in Schuss zu bringen.

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Serie Sexualmedizin (12)
Krebs und Sexualität

Hypoactive Sexual Desire Disorder; Foto: Boehringer Ingelheim
Frauen mit der Diagnose Brustkrebs denken nur ans Überleben. Die Frage nach der Sexualität stellt sich erst viel, viel später. „Männer mit der Diagnose Prostatakrebs hingegen stellen im selben Atemzug die Frage nach ihrer Potenz“, so Prim. Dr. Eugen Plas im Rahmen des Symposiums Krebs & Sexualität. Ein heikles Thema, welches Experten aus unterschiedlicher Sicht beleuchteten. Die Take-home-Message für die behandelnden Ärzte: Scheuen Sie sich bei Krebspatienten nicht, deren Liebesleben anzusprechen. Positionieren Sie sich von Anfang an als Gesprächspartner, fragen Sie nach und geben Sie klare Informationen.

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Serie Sexualmedizin (13)
Männliche Sexualstörungen

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Kein Mann braucht sich mehr damit abzufinden, wenn es im Bett nicht wie gewünscht läuft. Die häufigsten männlichen Sexualfunktionsstörungen wie erektile Dysfunktion (ED), vorzeitiger Samenerguss oder Altershormonmangel sind gut behandelbar. Was dabei konkret zu beachten ist und wo es noch mehr an Aufklärung bedarf, verrät Prim. Univ.-Prof. Dr. Walter Stackl, Vorstand der Urologischen Abteilung an der Wiener Krankenanstalt Rudolfstiftung, im MT-Interview. Damit setzt MT seine Serie zur Sexualmedizin fort.

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Serie Sexualmedizin (14)
Fragen zur Homosexualität

Dr. Horst Schalk
Wie ticken homosexuelle Männer? Worin unterscheiden sich ihre Beziehungen zu jenen von heterosexuellen Paaren? Welche sexualmedizinischen oder psychischen Probleme kommen häufig vor? Und, was ist das Wichtigste im Umgang mit diesen Patienten? MT bat Dr. Horst Schalk, Allgemeinmediziner und Obmann von HOMED, einem Verein, der schwule Männer, die im Gesundheitswesen arbeiten zum Interview.

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Serie Sexualmedizin (15)
Sex im Alter

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Derzeit nimmt unsere Lebenserwartung im Schnitt um fünf bis sechs Stunden pro Tag zu. Ältere Menschen bleiben trotz steigender Lebenserwartung länger von funktionalen Einschränkungen verschont. Höchste Zeit also, sich mit dem Thema „Sex im Alter“ zu beschäftigen, bei dem noch immer Aufklärungsbedarf besteht.

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