Es sei traurig, aber wahr, bedauert Dr. Elia Bragagna die Situation, dass gut wirksamen Medikamenten die Zulassung für bestimmte Indikationen auf dem Gebiet weiblicher Sexualstörungen fehle. „Zum Glück existieren aber weltweit genug wissenschaftlich untermauerte Daten, die uns erlauben, Off-Label-Therapien anzuwenden“, setzt die Leiterin der Akademie für Sexuelle Gesundheit nach, um dann gleich in medias res zu gehen. Die folgenden Behandlungsoptionen stehen derzeit für die Therapie von weiblichen Sexualstörungen zur Verfügung:
- Lubrikanzien: Die Indikation für Gleitmittel sind Lubrikationsstörungen trotz ausreichender Stimulation. Es gebe Gleitmittel auf Wasser-, Silikon- , Öl- oder Fettbasis, informiert Dr. Bragagna. Bei öl- und fetthaltigen Gleitgelen ist jedoch Vorsicht geboten, da sie Kondome aus Latex porös und rissig werden lassen. „Auf Silikonbasis produzierte Produkte wirken länger, kleben weniger und greifen die Kondome nicht an.“
- Moisturizer: Die Indikationen für vaginale Befeuchtungsmittel, so genannte Moisturizer wie Replens®, sind Vaginalatrophie und schmerzhafter Geschlechtsverkehr bei bestehender Kontraindikation gegen eine Östrogen- Therapie. Das Gel wird zwei- bis dreimal in der Woche auf die Vaginalschleimhaut aufgetragen. Dadurch bildet sich ein feuchtigkeitsspendender, gleitfähiger Vaginalfilm.
- Hyaluron-Vaginalzäpfchen: Vaginalzäpfchen mit Hyaluronsäure (Cikatridina®) sind in der Perimenopause angezeigt, um die ersten Folgen der Vaginalatrophie abzufedern. Hyaluronsäure und Pflanzenextrakte verbessern den Feuchtigkeitsgehalt und die Elastizität der Vaginalschleimhaut und unterstützen deren Regeneration.
- EROS-CTD: Bei EROS-CTD handelt es sich um ein Klitoris- Vakuum-Vibrationsgerät für die Indikationen Erregungs- und/ oder Orgasmusstörungen. „Das Gerät führt zu einer deutlichen Verbesserung der genitalen Durchblutung, der Orgasmusfähigkeit und des Erregungsaufbaus“, sagt dazu Dr. Bragagna.
- Vaginale Dilatatoren: Vaginale Dilatatoren, die es in Plastik, Glas oder Metall gibt, sind im Rahmen der Sexualtherapie des Vaginismus und des schmerzhaften Geschlechtsverkehrs indiziert.
- Physiotherapie (Beckenbodentraining): Schmerzhafter Geschlechtsverkehr, Vaginismus sowie Orgasmus- oder Erregungsstörungen sind Indikationen für ein Beckenbodentraining. „Die Physiotherapie hilft der Frau, den Beckenboden wieder bewusst wahrzunehmen, ihn anzuspannen und zu entspannen, ihn zu stärken und die Zusammenhänge mit der Bauchdecke, dem Rücken und den Hüften zu erfühlen“, erläutert die Sexualtherapeutin. Das Training kann mit Hilfe eines Biofeedbackgerätes intensiviert werden.
- Nichthormonelle medikamentöse
Therapie
- PDE-5-Hemmer: Indikationen dafür sind genitale Erregungsund Lubrikationsstörungen. Die bei Männern wohlbekannten Medikamente bewirken eine Hemmung der Phosphodiesterase-5 in der glatten Muskulatur der Corpora cavernosa der Klitoris. In der Folge kommt es zu einer erhöhten Konzentration von Stickstoffmonoxid (NO) und damit zu einer Vasodilatation. „Wichtig ist allerdings zu erkennen, ob die Frau an einer genitalen oder an einer mentalen Erregungsstörung leidet“, betont Dr. Bragagna, „denn die PDE-5-Hemmer wirken nur bei einer genitalen Erregungsstörung.“ Wie beim Mann sind auch hier alle Kontraindikationen zu beachten. In den Studien kamen Dosierungen zwischen 10 bis 100 mg zum Einsatz.
- Apomorphin: Die Indikationen für Apomorphin, einen Dopamin- D2-Rezeptor-Agonisten, sind ebenfalls Erregungs- und Lubrikationsstörungen. „Es gibt Hinweise, dass Dopamin bei der Regulierung der weiblichen sexuellen Erregung eine Rolle spielt, vor allem die zentralen D2-Rezeptoren“, so die Sexualmedizinerin. In Studien zeigte die Dosierung mit 3 mg Apomorphin eine gute Wirkung.
- L-Arginin: Als dritte Möglichkeit einer nichthormonellen medikamentösen Therapie genitaler Erregungs- und Lubrikationsstörungen nennt Dr. Bragagna L-Arginin (Prelox®). Diese Aminosäure stellt eine Vorstufe der NO-Synthese dar. Bei den Männern zeigt L-Arginin in einer Dosierung von mehr als 3 g eine erektionsfördernde Wirkung. Bei den Frauen liege leider nur eine Studie von LArginin in Kombination mit Yohimbin vor, berichtet die Expertin.
- Hormonelle medikamentöse
Therapie
- Östrogene lokal: Die Indikation für die lokale Anwendung von Östrogenen ist die vaginale Atrophie mit eventuell begleitender Erregungsstörung oder Dyspareunie.
- Östrogene systemisch: Die Wichtigkeit der Östrogene für den Erregungsaufbau wurde in zahlreichen Studien belegt, ebenso die Wirkung von Testosteron in Bezug auf das sexuelle Verlangen (vor allem als Kombinationstherapie). Bei DHEA (Dehydroepiandrosteron, Vorstufe der Sexualhormone) sind laut Dr. Bragagna die Aussagen noch zu gegensätzlich, um eine konkrete Empfehlung aussprechen zu können.
Psychosozial bedingte Sexualstörungen
Abschließend geht Dr. Bragagna auf die Therapieoptionen von psychosozial bedingten Sexualstörungen ein. Hier nennt die erfahrene Sexualtherapeutin zunächst die Einzelpsychotherapie. Die Indikation dafür: „Wenn psychische Konflikte und Verhaltens- oder Denkmuster aus der Vergangenheit in der Gegenwart zu Sexualstörungen führen.“ Eine weitere Option ist die Paar- oder Sexualtherapie. Diese ist bei chronisch bestehenden Sexualstörungen angezeigt, da gleichzeitig auch immer Beziehungsprobleme als Ursache oder Folge vorliegen. Als dritte Behandlungsmöglichkeit führt Dr. Bragagna die Sozialberatung an, die sie bei sozial bedingten Sexualstörungen empfiehlt.
red/Mag. Anita Groß

















